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Rubrik:
Lernen & Verhalten
Autor:

Equimondi Team

Schlagwörter

Mustang Pferdeverhalten Leithengst Wildpferd Sozialverhalten



Das Pferd ist immer der Lehrer – immer wenn Du denkst, Du weißt schon alles, belehrt Dich das Pferd eines Besseren! (Maggie J Rothauge)

Veröffentlicht am 18.04.2017 / Zuletzt aktualisiert am 19.04.2017

Maggie Rothauge aus Oregon adoptierte im Jahr 2010 ihren ersten Mustang. Seitdem ist sie fasziniert von diesen Pferden. Besonders liebt sie die Beobachtung der Mustangherden in freier Wildbahn. Etwa 7% der wildlebenden Mustangs leben im Bundesstaat Oregon, das nächste Reservat liegt in den South Steens, etwa zwei Autostunden von Maggie Rothauges Wohnort entfernt. Regelmäßig fährt sie gemeinsam mit ihrem Mann Farrel dorthin und filmt die wildlebenden Mustangs. Sie gab allen Pferden und Herden, die sie über längere Zeit beobachtete Namen und kann von vielen Geschichten aus deren Pferdeleben erzählen. Was sie mit ihren Fotos dokumentiert, sind sie einzigartige Beobachtungen von Pferden in freier Wildbahn, die so manche neuen Erkenntnisse über das soziale Leben der Pferde und Gegenbeispiele für einige alttradierte Mythen des Pferdeverhaltens liefern. Wir sprachen mit Maggie Rothauge (MR) und haben ihre Beobachtungen zusammengefasst.

Der Mythos vom einsamen Leithengst

Die meisten Mustangherden bestehen aus fünf bis 15 Tieren. Der Leithengst lebt mit zumeist vier bis fünf Stuten, ihren aktuellen Fohlen und einigen Jungtieren aus den früheren Jahrgängen. Ergänzt wird diese Gruppe häufig von Zweithengsten, die als „Lieutenants“ (Stellvertreter) bezeichnet werden. Lieutenants sind meistens Junghengste, die noch keine Chance auf eine eigene Herde haben, aber von einem Althengst geduldet werden. Sie dürfen in der Regel keine Stuten selber decken und unterstützen den Althengst in der Führung der Herde. Ob und mit welchen Aufgaben und Pflichten ein Lieutenant in einer Herde lebt, hängt laut MR von zwei Faktoren ab: der Größe der Herde und dem Alter und der Stärke des Althengstes. Je größer die Herde und je älter der Leithengst, desto wahrscheinlicher die Anwesenheit eines Lieutenants und je größer sein Aufgabenfeld. Er unterstützt den Leithengst bei der Verteidigung der Herde nach außen und übernimmt Aufgaben, die der Leithengst an ihn delegiert. MR konnte häufig beobachten, dass der Lieutenant das Rückholen von zu weit gelaufenen Jungpferden und deren Zurechtweisung sowie das Fernhalten von Fremden aus der Herde übernimmt. Maggie wurde selber schon mehrfach Zeugin für die „Arbeit“ der Lieutenants. Viele Herden seien an ihre Anwesenheit bereits gewöhnt und so kommt es hin und wieder vor, dass ein paar Jungpferde ganz neugierig vorbeikommen und sie und ihre Ausrüstung in Augenschein nehmen. Maggie muss in solchen Situationen vorsichtig sein, denn meistens ist der Lieutenant nicht weit, der dann auch für sie gefährlich werden kann.

Schwiegersohn gesucht mal anders

Maggie konnte einen Fall beobachten, in dem ein Junghengst versuchte, dem älteren Leithengst die Herde abzunehmen. Der Althengst blieb stärker, konnte den jungen Eindringling jedoch nicht aus seinem Gebiet verjagen. Der junge Hengst wurde schließlich in der Herde geduldet und übernahm die Rolle des Lieutenants. Die älteren Stuten blieben beim Althengst, dafür durfte der Junghengst die jungen Stuten decken. Maggie ist sich nicht sicher, geht aber davon aus, dass es sich dabei um die Töchter des Althengstes handelt. Ein solches Verhalten würde auch erklären, warum Fälle von enger Inzucht in den Mustangherden anscheinend selten sind. MR kennt selber nur einen Fall in all den Jahren beobachtet, in dem ein Hengst offensichtlich die eigene Tochter deckte. Cruiser – ein Halbstarker wird ins Erwachsenenleben geworfen Eine besondere Beobachtung macht Maggie just dann, als sie in Begleitung eines Fernsehteams eines Lokalsenders in Oregon war. Der dreijährige Scheckhengst Cruiser, den Maggie bereits als Fohlen fotografieren konnte, musste innerhalb eines Tages ins Erwachsenenleben wechseln. Sobald ein junger Hengst aus der Herde Interesse an Stuten bekundet, muss er gehen. Das ist die eiserne Regel in Mustangherden. An dem Tag, als Herdenchef Cruisers wachsendes Interesse an Stuten wahrnahm, machte er kurzen Prozess und vertrieb Cruiser. Cruiser verstand zunächst die Welt nicht mehr und versuchte immer wieder, zur Herde zurückzukehren, jedes Mal wurde der Althengst deutlicher und aggressiver. Er erhielt Unterstützung von Arrow, dem Leithengst der Nachbarherde, die wenige hundert Meter weiter graste. Cruiser war bereits auf dem Weg weiter weg von der Herde, als plötzlich Arrow zur Attacke ansetzte und Cruiser mit noch mehr Vehemenz vertrieb als sein eigener Herdenchef. Cruiser war ein paar Mal kurz davor, Arrows Zähne in den Flanken zu finden, so aggressiv ging der andere Althengst auf den Jungspund los.

Hier filmte zufällig ein Kameramann des offenen Kanals in Oregon mit, ab ca. Min 5 ist die Szene mit Cruiser zu sehen, dahinter ist Maggie Rothauge im Interview.

Golden Boy

Ein besonders scheuer und starker Goldfalbe, der wegen seiner Farbe von den Fotografen Golden Boy genannt wurde, hielt seine Herde bestehend aus vier Stuten und deren Nachzucht stets abseits der anderen Herden. Er vermied Kontakt mit fremden Pferden und musste seine Stuten häufiger gegen Junghengste verteidigen. Eines Tages im Juni 2012 waren einige seiner Stuten in der Fohlenrosse als er an der Wasserstelle von insgesamt sieben Junggesellen gemeinsam attackiert wurde. Die Kollegin von Maggie, die zufällig Augenzeugin des Vorfalls wurde, sah die Verletzungen von Golden Boy und alarmierte den Ranger. Leider waren die Verletzungen derart schwer, dass der Ranger ihn nur noch euthanasieren konnte. Golden Boys Körper wurde daraufhin präpariert und im Natural History Museum in Oregon ausgestellt.

Nachsicht in der Kindererziehung oder Mütter haften für ihr Fohlen

Maggie erzählt, dass Mustangs in der Regel sehr nachsichtig mit ihren Fohlen umgehen. Viel Lob erfolgt über körperliche Interaktion und Fellkraulen. Auch Hengste gehen sehr vorsichtig mit den Fohlen in der Herde um. Übertritt ein Fohlen Grenzen oder verletzt Spielregeln der Herde wie beispielsweise unerlaubtes Entfernen, wendet der Leithengst sich an die Mutter und weist sie zurecht, sie ruft daraufhin ihr Fohlen zur Ordnung.

Ersatzmutter Hengst

Diese Geschichte, die Maggie zu erzählen hatte, vergleicht sie selber mit einer Geschichte für ein Kindermärchenbuch. In einer Herde lebte eine sehr alte Stute. Da manche Pferde aus den Herden eingefangen und untersucht werden, mit dem Frostbrand versehen und wieder zu ihren Herden zurückgelassen werden, hat man bei einigen Pferden eine recht genaue Einschätzung des Alters. Da diese Stute erfasst wurden war und einen für die Mustangs üblichen Frostbrand an der linken Halsseite hatte, konnte man ihr Alter recht exakt schätzen. Die Stute hat, wie in der Wildbahn üblich, auch im Alter noch jedes Jahr ein Fohlen geboren. Als die Stute etwa 29 Jahre alt war, wurde sie zunehmend schwächer. Ihr etwa drei bis vier Monate altes Fohlen übergab sie einem Junghengst aus der Herde. Maggie beobachtete zufällig die Szene. Es sah für sie aus, als ob die beiden sich unterhielten. Danach verließ die alte Stute die Herde und kam nie wieder. MR hat nie herausfinden können, was ihr weiteres Schicksal war. Das kleine Hengstfohlen wurde von dem Junghengst weiter aufgezogen. Er beschützte es und brachte ihm alles bei, was es zum Überleben wissen musste, obwohl der Hengst eigentlich schon selber in dem Alter war, in dem er sich um Stuten bemühen konnte. Erst als der kleine Hengst selber ein Junghengst war und für sich selber sorgen konnte, trennten sich die Wege der beiden.

Die Leitstute entscheidet, der Leithengst setzt die Entscheidungen durch und beschützt die Herde

Entscheidungen wie der Wechsel der Weidestelle oder der Gang zum Wasser werden immer von der Leitstute getroffen. Sie ist meistens die älteste Stute, die am längsten mit dem Hengst lebt. Die Stute trifft in der Regel die Entscheidungen, sie ist stets sehr wachsam und bewertet alle neuen Situationen. Trifft eine Stute eine Entscheidung, wie beispielsweise den Gang zur Wasserstelle, treibt der Leithengst bzw. sein Lieutenant die Nachzügler an. Der Leithengst selber steht abseits an der Wasserstelle und überwacht, dass jedes Herdenmitglied trinken kann. Erst wenn alle anderen den Durst gelöscht haben, trinkt er selbst.

Mineralversorgung rettet vor Mangelerscheinung

MR konnte noch eine Entdeckung machen, die Verhaltensforscher bereits von anderen Tierarten wie Primaten kennen. Sie suchen bestimmte Regionen auf, in denen es Gräben mit mineralhaltigem Gestein gibt. Die Böden in den Mustang-Gebieten in Oregon sind sehr Selen arm (wie in den meisten Teilen Deutschlands). Die Mustangs suchen gezielt nach Erdlöchern, in denen selenhaltiges Gestein vorkommt. MR schickte Laborproben des Gesteins ein, die Ergebnisse bestätigten ihre Vermutung. Maggie Rothauge meint, dass in besonders harten Wintern diese Mineralstoffversorgung manchen Mustangs das Leben gerettet hätte und sie sonst an Unterernährung gestorben wären.

Mustangs sind Gewohnheitstiere

Mustangherden haben nach MR feste Reviergrenzen, die sie möglichst nicht verlassen. Selbst, wenn das Gras runtergefressen ist wechseln sie das Revier nicht selbst wenn woanders mehr Gras zu finden ist. Auch der Tag hat feste Abläufe, so gehen beispielsweise viele Gruppen drei bis viermal täglich gemeinsam an die Trinkstellen, einzelne Tiere gehen auch nachts nochmal ans Wasser um zu trinken. Auch der gemeinsame Mittagsschlaf gehört zum Ritual der Mustangherden, wahrscheinlich um der Hitze zu trotzen. Der Lauf der Jahreszeiten entscheidet über den Grad der sozialen Interaktionen und der Nähe der unterschiedlichen Mustangherden. Im Frühjahr, wenn die Fohlen geboren werden, halten die Herden Abstand, genauso in der Zeit der Fohlenrosse und im Juni, wenn die Jungstuten zum ersten Mal rossig werden. Das sind die typischen Zeiten, in denen Hengste sehr aggressiv auf mögliche Rivalen reagieren und es schnell zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. In der übrigen Zeit im Jahr leben Mustangherden in enger Nachbarschaft, häufig findet man Herden, die direkt nebeneinander grasen.

Gähnen als Stressabbau

MR konnte noch nie Stressverhalten wie wir es an unseren Hauspferden kennen wie beispielsweise Koppen oder Weben beobachten. In Situationen, die für ein Pferd Stress bedeuten können, konnte sie vermehrtes Gähnen sehen. Besonders auffällig ist dieses Verhalten bei Junghengsten, die gerne die Stuten der Althengste abspenstig machen würden, gegen den Althengst aber noch den Kürzeren ziehen.

Bei zu aggressivem Verhalten greift der Mensch ein

Maggie beobachtete eine Zeit lang einen Hengst, der auffällig aggressives und abweichendes Verhalten gegenüber anderen Pferden zeigte und auch keinen Anschluss an eine Herde finden konnte. Er wurde eingefangen, kastriert und nach Beobachtungszeit im Paddock wieder in die Wildnis entlassen. Die Kastration schien das Problem beseitigt zu haben. Manche Pferde werden wegen ihres Verhaltens nicht wieder freigelassen, sondern nach der Kastration zur Adoption freigegeben und von Privatleuten übernommen.

Eines ist nach dem Gespräch mit Maggie Rothauge klar: Pferde in Freiheit sind viel sozialer als so mancher Mensch immer noch annimmt. Wünschenswert ist, dass Erkenntnisse wie die von Maggie von vielen Pferdemenschen geteilt werden und in unserer Pferdehaltung berücksichtigt wird.

Der Artikel ist eine Gemeinschaftsarbeit einiger Equimondi Experten. Die Fragen beigesteuert haben Dr. Kathrin Irgang, Dr. Vivian Gabor, Alexandra Edinge, Marie Massmann und Jörg Killinger.Das Interview führte Dr. Claudia Mattison.

 

Our special thanks to Maggie J Rothauge/USA.

Alle Fotos: Maggie J Rothauge

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Expertenteam

Ralf Döringshoff
  • Besamungstechniker für Pferde
  • Pferdewirtschaftsmeister Zucht+Haltung
  • Trainer Leistungssport (mit Lütke-Westhues-Auszeichnung)
  • Osteopath und Physiotherapeut f. Pferde n. Welter-Böller
Dr. Kathrin Irgang
  • Veterinärmedizin
  • Ernährungsberatung Kleintiere
  • Führt eine Ernährungsberatungspraxis für Pferde, Hunde und Katzen